13.06. – 28.08.2016

Zu Jeremias Bucher

Dem Schaffen von Jeremias Bucher bin ich zum ersten Mal an der Kabinettausstellung begegnet, die er als Träger des Ausstellungspreises der Kunstgesellschaft letztes Jahr im Kunstmuseum Luzern eingerichtet hat. Aus einer Reihe von Eingriffen, die er nicht in einem gesonderten Raum zeigte, sondern fast klandestin unter die alljährlich und gleichzeitig stattfindende Jahresausstellung mischte, fiel mir ein Werk besonders auf, das mich sofort beeindruckte. Jeremias liess eine Museumswand zum Bahnhof Luzern hin mit einem Durchgang öffnen. Der neue Durchgang, in meiner Erinnerung etwa 2,2 m hoch und rund 3,5 m breit, gab den Blick frei auf die metallene Unterkonstruktion der Fassade des Kunst- und Kongresszentrums, und führte dennoch ins Leere.

Diese Öffnung war eine tatsächliche, aber sie war darüber hinaus noch vielmehr: eine metaphorische. Und dieser Umstand führt zur ersten Gemeinsamkeit mit seinem Raum hier in Stans, und er ist darüberhinaus ganz grundsätzlich ein Charakteristikum seiner Kunst. Jeremias klopft die Wände seiner Räume ab und sucht nach Hohlräumen, die sich im Akt des Öffnens zu allegorischen Öffnungen verwandeln.

Und das Verblüffende ist, diese manchmal an Simplizität fast nicht zu unterbietenden künstlerischen Generalmassnahmen evozieren sofort eine Reihe von Gedanken und Bezügen, denen man sich nicht mehr erwehren kann. Womit wir bei einer zweiten Gemeinsamkeit der Luzerner und der Stanser Wandöffnungen wären und auch bei einem weiteren Charakteristikum, welches sein künstlerisches Handeln und Denken -im doppelten Wortsinn- auszeichnet.

Ich denke unweigerlich an jene Idee, welche wir Jörg H. Gleiter verdanken. Der Autor weist uns darauf hin, dass der Hammer Nietzsches, mit dem der Philosoph bekanntlich zu philosophieren gedenkt, keineswegs ein Fäustling oder Vorschlaghammer sei, mit denen man Dinge zu zertrümmern, oder zumindest schwere Arbeiten zu verrichten pflegt. Nietzsches Hammer ist dagegen das kleine Hämmerchen des Metallurgen, der seine metallenen Gegenstände abklopft, um zu hören, ob sie hohl klingen.

Und dass uns eben die Bezüge und Evokationen nur so entgegenpurzeln, wenn Jeremias eine Wand öffnet, zeigt sich hier bei seiner Intervention im Kellergewölberaum des Nidwaldner Museums besonders. Aber Vorsicht, nobilitierende Bezüge zu schaffen -sprich zu “geistreicheln”- ist keineswegs die Absicht, die Jeremias Bucher antreibt.

Denn er betritt ganz einfach und, ja, mit einer gewissen Unschuld, oder besser Absichstlosigkeit, Räume. Und dann fragt er sich die naheliegenden Fragen. Er packt, von fast schon stoisch zu nennendem Kunstglauben beseelt, sein Hämmerchen aus und klopft. Was liegt dahinter? Im konkreten Fall, was liegt hinter der offensichtlich mit einer weissen Schliessplatte verschlossenen Fensteröffnung im oberen Teil der Stirnwand des Raumes hier in Stans, die wohl vor allem dem Zweck diente den Ausstellungsraum optisch zu beruhigen?

Zugegeben, was Jeremias Bucher hier angesichts der Öffnung fand, birgt nicht jede beliebige Wand, und nicht jede Wand gibt diese Brisanz frei. Und wir sehen, schon beginnen die Bezüge wieder zu rieseln, und zwar gerade so, dass wir uns beschränken müssen.

Wie gesagt, es ist nicht irgend eine Wand in irgend einem Haus, die er hier öffnet, das weiss auch Jeremias. Aber dass er im an einer alten Säumerroute gelegenen, ehemaligen Landgut des Ritters Melchior Lussi zu Stans einen Hohlraum findet, der vom vermutlich als Käselager dienenden Kellerraum nur durch ein schmiedeisernes Gitter getrennt ist, der in den Hohlraum der Retabel des dahinterliegenden spätgotischen Hausaltars führen würde, konnte er beim ersten Besehen und Befragen nicht ahnen.

Anekdoten geniessen ein wenig hohes Ansehen bei der Interpretationsarbeit und Exegese von Kunstwerken. Mit einigem Recht. Dennoch sind sie manchmal als Schmiermittel zum Anwerfen gewisser hermeneutischer Maschinerien im Innern von Kunstwerken unerlässlich. So erschliesst sich einem Betrachter jenes berühmte Ready-made von Marcel Duchamp ‚With Hidden Noise‘ aus dem Jahre 1916, ohne den anekdotischen Zusatz keineswegs. Es wäre für immer einfach ein Schnurknäuel, eingeklemmt zwischen zwei mit Schrauben verbundenen Messingplatten. Die Künstlerlegende und absichtsvoll überlieferte Anekdote gibt uns hier den Schlüssel. Sie ist schnell erzählt:

Duchamp bat einen befreundeten Sammler, es war, glaube ich Walter Arensberg, er solle in das hohle Innere eines Schnurknäuels einen Gegenstand einfügen und das Knäuel mit den erwähnten Platten verschrauben. Mit dieser Handlungsanweisung einher ging das Gebot Duchamps, wonach Arensberg ihm auf gar keinen Fall eröffnen dürfe, welcher Gegenstand eingefügt worden war. Das Artefakt wurde also verschlossen und konnte dann, einer Kinderrassel gleich, geschüttelt werden, und Duchamp erfuhr nie, welcher Gegenstand eben “den verborgenen Lärm” erzeugte.

Überflüssig zu sagen, dass das faustgrosse Objekt heute von keinem Betrachter mehr geschüttelt werden darf. Sollte es dereinst in einer Auktion auftauchen und zu einem unzweifelhaft astronomischen Preis unter den Hammer kommen, würde es vom Auktionator mit weissen Handschühchen angefasst und der anwesenden Gemeinde, einer Monstranz gleich, kurz in die Höhe gehalten und ganz wie bei einer Segnung von links nach rechts geschwenkt werden. Monstranzen fasst man bekanntlich nicht an, der Priester bemüht hierzu traditionellerweise das sogenannte ‚velum‘.

Und wir, wir müssen uns heute selbst das Geräusch vorstellen, von dem wir dann nie mit Gewissheit hätten sagen können, was es verursachte.

Von ähnlich anekdotischer Natur ist der notwendige informative Zusatz, der es vermag, zumindest einen Spalt weit die Installation von Jeremias Bucher zu öffnen. Das Werk mit dem Titel ‚Atelier‘ (vergessen wir an dieser Stelle nicht Duchamps Maxime und Ermahnung, wonach der Titel das wichtigste an einem Gemälde sei!) ist tatsächlich das Atelier des Künstlers. Zumindest hat es als solches bis vor kurzem gedient. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass er es nicht wieder in Betrieb zurück nimmt, zumal nach dieser musealen Honorierung. (Ich bedanke mich an dieser Stelle recht herzlich bei Jeremias Bucher, dass er uns sein Atelier für die Dauer der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Ich hoffe, er hat zwischenzeitlich entsprechenden Ersatz finden können!)

Es handelt sich bei der zinnoberroten Schuhschachtel Marke Nike, Modell Pegasus, tatsächlich um die Schachtel, in die der Künstler am Abend seine Notizen und sonstigen Utensilien seiner künstlerischen Praxis hineinlegt, aus dem ganz und gar lebensnahen Überlegungen, die den konkreten Lebensumständen erwachsen, denn er unterhält kein Atelier ausserhalb seiner vier Wände, und seine teils noch kleinen Kinder gebieten es dem Vater, dass er seine Schuhschachtel oben aufs Regal stellt, so wie jeder verantwortungsvolle Vater seine Gesamtausgabe des Marquis de Sade ausser Reichweite ins Bücherregal stellt, sobald seine Kinder ins lesefähige Alter kommen.

Aber nochmals, auch hier ist es nicht der gekünstelt-akademische Zugriff oder der möglicherweise allzu offensichtliche Bezug zu Duchamps berühmten Schachteln, der Boîte-en-valise (1935-41) oder der nicht minder berühmten Grünen Schachtel (1934) der Jeremias Bucher antreibt. Es handelt sich gewissermassen zwiefach um eine “Sneaker Box” (und wieder springt uns der Springteufel Duchamp mit sardonischem Lachen aus der trojanischen Schachtel entgegen). Denn sie betreibt auf leisen Sohlen -mit dem Aufwerfen der Frage nach Immanenz- unverhohlen eine Kultpraxis des Reliquiums, obschon eine ganz und gar Säkularisierte.

Und es ist kein Zufall, dass unser devil-out-of-a-box, der Salzhändler, seine eigene künstlerische Praxis mit der eines mittelalterlichen Malers verglich. In einem seiner berühmtesten Zitate fordert er ein Kunstwerk, das nicht als retinale Sensation (!) endet, sondern uns vielmehr, eben wie bei den

mittelalterlichen Malern, einem Trampolin gleich in eine andere Sphäre katapultieren soll. Mit seinem Ready-made With Hidden Noise , Monstranz und ummantelte Quasireliqiue, rührt auch er absichtsvoll an das Problemfeld der grossen Frage nach den Bildern und ihren “Inhalten”, sprich Wirkmächte.

Und um dieses Riesenthema zwar nur kurz anzuschneiden, tun wir es immerhin mit den unübertrefflichen Worten Hans Beltings:

Man stelle sich vor: Karl der Große steht an der Ostgrenze seines Reiches, hat die Hände zum Schalltrichter geformt und ruft nach Byzanz: „Es sind die Knochen!“ Die Antwort läßt nicht lange auf sich warten. Kaiserin Irene befiehlt, byzantinisch zurückzuschreien: „Es sind die Bilder!“ Sie sollte, nach vielem Hin-und-Her-Geschrei und mehr als tausend Jahren, Recht behalten (…)

Das Begehren der Menschheit hat sich von der Reliquienverehrung, von der Hochschätzung der Körper, der Leichen endlich abgewandt und inzwischen einen weltweiten Bilderdienst installiert, dessen Wirkungen wie eine Rückflut alle sakralen und profanen Räume überschwemmt. Nie waren die Menschen, so scheint es, so weit von einem Bilderverbot entfernt wie heute. Man will sich von allem, was es gibt, ein Bild machen und erklärt kurzerhand das für nicht existent, von dem es kein Bild gibt.

Und, wie würde Jeremias Bucher reagieren, wenn ich ihm eröffnen würde, dass ich ohne sein Wissen einen ihm unbekannten Gegenstand in den Innenfalz des Bodens seiner Schachtel eingelegt hätte, bevor wiederum er sie in den Schacht eingelegt hat? Das wäre wohl das wirkliche und einzige Sakrileg dieser Ausstellung. Denn die teilweise Delegation der Autorschaft wie im Schnurknäuel Arensbergs/Duchamps, entspringt immer noch der souveränen Intention des Autors. Der Autor ist der, der den Prozess anstösst, über den er aber vermutlich nicht immer Herr sein wird. Oder Herr sein muss. Und wir Betrachter werden dadurch gezwungenermassen zu Co-Autoren der Werke, und somit nolens volens zu Komplizen des Künstlers, und die Leerstelle seiner allfälligen Bildverweigerung müssen wir mit unserer Fähigkeit zur Immagination füllen.

(Christian Kathriner, Juni 2016)

Einführungstext anlässlich von Jeremias Buchers Ausstellung „Atelier“ , Ausstellungsreihe «in cavo», im Kellergewölberaum im Winkelriedhaus des Nidwaldner Museums in Stans, vom 13.06 bis 30.08.2016

Nidwaldner Museum, Winkelriedhauskeller
Engelbergstr. 54 a, Stans
Öffnungszeiten: Mi 14–20 Uhr | Do–Sa 14–17 Uhr | So 11–17 Uhr
Vernissage: 13. Juni 2016, 18.30 Uhr

 

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